Friedrich Truppe

1908 - 1972
 


 
Mein Leben mit Friedrich Truppe

Von Inge Truppe

Friedrich Truppe, 1908 in St. Veit an der Glan in Österreich geboren, ist in Graz und in Klagenfurt aufgewachsen. Sein Studium in Klagenfurt darf nicht als eine akademische Ausbildung im Sinne einer Berufsvorbereitung betrachtet werden. Der Unterricht war neben der Schule Förderung für einen begabten Jugendlichen, der Freude am Malen und Zeichnen hatte. Die Malerei war aber damals noch nicht als Berufsziel in Erwägung gezogen worden. Eigentliches Berufsziel war die Innenarchitektur, die Verbindung von Handwerk und schöpferischem Gestalten. Nach bestandener Aufnahme an der Fachschule schienen die Weichen für eine berufliche Zukunft gestellt zu sein. Doch der plötzliche und frühe Tod des Vaters machten alle Pläne und Wünsche zu nichte. Statt des Fachstudiums musste der junge Mann eine Tischlerlehre beginnen, die er dann mit der Gesellenprüfung abschloß.

Daß er seine Heimatstadt und Österreich bald darauf verließ, hatte mehrere Gründe. Einmal war die wirtschaftliche Lage nach dem 1. Weltkrieg in Österreich sehr ungünstig. Dann war aber auch die jugendliche Abenteuerlust da und das Bestreben, andere Menschen und Länder kennenzulernen. So begannen, im wahrsten Sinn des Wortes, seine Wanderjahre. Nach Art der früheren Handwerksgesellen wurden weite Wegstrecken zu Fuß zurückgelegt. Er kam über die Alpen, wo ihn die berühmten Museen in den großen Städten Oberitaliens besonders fesselten. Und die Wanderungen wurden immer dann unterbrochen, wenn sich Gelegenheit zur Arbeit bot. Doch nicht nur Kunstschätze erregten die Aufmerksamkeit des malenden Wandergesellen. Genauso wichtig wie die Kunst war das Erlebnis der südlichen Landschaft und des anderen Menschenschlages. Ein Skizzenbuch und Aquarellfarben begleiteten ihn stets, und oft waren die Reiseskizzen eine Brücke zum Verständnis, waren Anknüpfungspunkte, um die anfänglichen Sprachschwierigkeiten zu überwinden.

Der Italienreise folgte wieder ein kurzer Aufenthalt in Österreich, und dann suchte er die Staaten im östlichen Europa auf, die Tschechoslowakei und vor allem Ungarn. Erfahrungen, die er hier in den größeren Städten machte, ermutigten ihn nicht zu längerem Verweilen, während sich die Landbevölkerung als sehr aufgeschlossen und gastfreundlich erwies.

Das nächste Ziel war Deutschland. Von Osten her ging es bis zum Rhein, dann den Rhein entlang nach Norden. [...]

Die Jahre bis zum zweiten Weltkrieg lebte mein Mann in Worms. Er war nun sesshaft geworden, konnte aber immer noch nicht die Malerei im Hauptberuf betreiben. Doch regelmäßig war er an örtlichen Ausstellungen beteiligt, vorwiegend mit Porträtzeichnungen und Motiven aus der Wormser Altstadt in Kohle, Rötel oder Tusche, die er später aber alle als harmlose Studien abtat.

Im krieg war er vom ersten Tag an Soldat, machte den Rußlandfeldzug mit und kam nach der Rückkehr nach Südfrankreich für zwei Jahre in französische Gefangenschaft. Bezeichnend für ihn ist, dass er sich jetzt trotz lukrativer Angebote weigerte, für die Amerikaner oder Franzosen zu zeichnen oder zu malen. Künstlerische Arbeit ohne innere Notwendigkeit nur um sich vorteile zu verschaffen, war ihm unmöglich. Diese Einstellung habe ich immer während unseres späteren Zusammenlebens bestätigt gefunden.

1947 schlugen sich Kriegserlebnisse und Gefangenschaft in düsteren Bildern nieder. Von nun an lebte er nur noch als Maler, und mit Malerei bestritt er seinen Lebensunterhalt. Während der Bombardierungen waren alle früheren Werke verloren gegangen, und so kam es in jeder Hinsicht zum Neubeginn.

Eines der damaligen Bilder, in einer Ausstellung gezeigt, war der Anfang unserer Bekanntschaft. Trotz künstlerischer Unzulänglichkeiten konnte man sich der unmittelbaren Wirkung des Bildes nicht entziehen.

Das kulturelle Leben in der zerbombten Stadt war sehr rege. In den größeren Nachbarstädten gab es ebenfalls ein sehr großes Angebot an Ausstellungen international bekannter Künstler. Da waren die Vertreter der klassischen Moderne wie Picasso, Braque, Matisse. Auch die deutschen Expressionisten, die im Dritten Reich als „entartet“ galten, lockten ein großes Publikum. Kein ernsthafter Maler konnte die Entwicklung übersehen, die sich seit 1933 im Ausland vollzogen hatte. Es entbrannten heftige Debatten im öffentlichen wie im privaten Bereich. Ein enger Kontakt zwischen den regionalen Künstlern und Gruppen und ein reger Gedankenaustausch waren die Folge.

[...] Daß Odernheim unser gemeinsamer Wohnsitz wurde, verdanken wir einem Zufall. Ein Kunstsammler aus Obermoschel lud uns zum Malen ein. Wir hatten ihn bei der Durchreise kennengelernt. Da uns die abwechslungsreiche Landschaft gefiel, sagten wir gerne zu. Unser Freund machte uns auf ein kleines, leerstehendes Haus mitten in einem Obstgarten in der Nähe des Waldes aufmerksam. Für das Malen war das genau das Richtige. Es spielte keine Rolle, dass wir auf viele Bequemlichkeiten verzichten mussten. Wir hatten einen sehr weiten Weg zum Einkaufen. Das Wasser mussten wir aus der Quelle holen. Es gab keinen Strom. Das Holz zum Heizen holten wir im nahen Wald. Alles nahmen wir gerne in Kauf, denn wir hatten die Natur direkt vor der Haustür, und wir konnten in Ruhe arbeiten. Später, als die Kinder geboren wurden, baute mein Mann einen Arbeitsraum dazu, ganz ohne jede fremde Hilfe. Bald kannte mein Mann die nähere und weitere Umgebung oft besser als die Einheimischen. Allgemein wurde er „der Maler“ genannt.

[...] 1961 wurden die ersten abstrakten Bilder in Bad Kreuznach und in Worms ausgestellt. Sie fielen aus dem Rahmen neben den Arbeiten der übrigen örtlichen Maler, die etwa italienische und spanische Landschaften bevorzugten. Damals wurde das Kultusministerium in Mainz auf die Arbeiten meines Mannes aufmerksam. Es erwarb alljährlich Bilder von ihm, die heute in Schulen hängen oder in den Räumen der Behörden. Andere Mäzene waren der Museumsdirektor von Worms und der Kulturbeauftragte der Stadt Kaiserslautern, so dass zahlreiche Bilder auf diesem Weg in die Öffentlichkeit gelangten. Aber auch zwei private Sammler sind zu erwähnen. Sie waren in Koblenz und in Mayen zu Hause und haben uns über manchen finanziellen Engpaß hinweggeholfen.

[...] Später waren wir nach Lauterecken umgesiedelt. War in den ersten zehn Jahren der Nachkriegszeit der Kontakt zu anderen Künstlern und Künstlergruppen sehr eng und das Interesse an den Ausstellungen der anderen Künstler sehr groß gewesen, so konzentrierte sich Friedrich Truppe bald immer mehr nur noch auf seine eigene Arbeit. Erfolg oder Anerkennung einer breiten Öffentlichkeit waren unwichtig geworden. Ein kleiner Freundeskreis genügte. Etwa von 1970 an nahm er kaum noch an Ausstellungen teil. In seinen letzten beiden Lebensjahren war er schon von Krankheit heimgesucht. Die letzten Aquarelle von großer Farbintensität entstanden in völliger Abgeschlossenheit von der Außenwelt. „Dämmerung“ heißen sie oder „Nacht“ oder „Abend“. Das sind Landschaftsdarstellungen, die keine bestimmte Landschaft mehr sind, es sind kosmische Erscheinungen, Visionen von Licht und Dunkel, Gleichnisse für Werden, Vergehen und auslöschen. Diese letzten Bilder sind düster und voller Todesahnung.

Seine Bilder bleiben. Vielen Menchen, die ihm begegnet sind, bleibt auch die Erinnerung an einen Künstler, der bescheiden und kritisch seinen eigenen Bildern gegenüberstand, der aber voller Begeisterung war, wenn es galt, die Liebe zur Kunst zu wecken und das Verständnis für den Wandel in der Formensprache in der Malerei unseres Jahrhunderts.

Aus: Westrichkalender Kusel1981, herausgegeben vom Landkreis Kusel (Pfalz), Gerhard Dokter Verlag, Rengsdorf Westerwald 1980, S. 171 - S. 175  (mit 1 Abbildung: „Selbstbildnis“, Holzschnitt, 1951)
 
 

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